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19

Okt.
2026
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Noise and Silence: Wenn Brailledruck auf Design trifft
Ein Beitrag von ILIAS Kompetenzzentrum Kommentare deaktiviert für Noise and Silence: Wenn Brailledruck auf Design trifft Beiträge, Digitale Barrierefreiheit, ILIAS

Noise and Silence: Wenn Brailledruck auf Design trifft

Was haben Geräusche, Fotografien und Brailleschrift miteinander zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel. In einem ungewöhnlichen Designprojekt mit Brailleschrift zeigen Studierende der Fachhochschule Dortmund jedoch, wie aus dieser Kombination ein ganz besonderes Buch entstehen kann – und wie Barrierefreiheit dabei selbst zum Gestaltungsmittel wird.

Für die Umsetzung ihrer Projektidee suchten die Studierenden nach einer Möglichkeit, Brailleschrift auf Fotografien zu drucken. Unterstützung fanden sie beim Adaptionsdienst der Bibliothek+.

Der Adaptions-dienst von DiBS

Mit dem Adaptionsdienst für Studienmaterialien bietet die Bibliothek+ der Fachhochschule Dortmund eine Servicestelle, die Studierende mit Beeinträchtigungen besonders gezielt unterstützt. Der Adaptionsdienst ist Teil des Bereichs „Digitale Barrierefreiheit in Studium und Lehre“ (DiBS). Zum Angebot von DiBS gehören außerdem eine Beratungsstelle, ein Arbeitsraum mit assistiven Technologien und ein Pool an ausleihbaren Geräten – alles im Dienst von Studierenden mit bewilligtem Nachteilsausgleich.

Nachteilsausgleich: Chancengleichheit in Prüfungen

Studierende mit bestimmten Erkrankungen oder dauerhaften Einschränkungen können mit entsprechenden Belegen einen Nachteilsausgleich beantragen. Dieser ermöglicht z. B. verlängerte Prüfungszeiten oder alternative Prüfungsformen, etwa digitale statt handschriftliche Abgaben oder die Unterstützung eines Bildschirmlesegerätes. Ein bewilligter Antrag berechtigt auch zur Nutzung des DiBS-Arbeitsraums

Barrierefrei studieren an der FH Dortmund (Intranet)

Im Adaptionsdienst geht es überwiegend darum, Studienmaterialien zugänglich zu machen: Visuelle Texte, Grafiken oder Abbildungen werden in geeignete Textformate übertragen, beispielsweise für die Nutzung mit einer Computersprachausgabe aufbereitet oder in Brailleschrift ausgegeben.

Doch manchmal kommt eine Anfrage, die mit klassischer Studienmaterial-Adaption zunächst wenig zu tun hat. Eine solche Anfrage erreichte DiBS im Sommersemester aus dem Fachbereich Design.

Wenn Bilder Geräusche bekommen

Im Seminar „Noise and Silence in Everyday Life“, dessen Thema initial von der Osaka Seikei University in Japan stammt, beschäftigten sich in einer Kooperation der Osaka Seikei University und der Fachhochschule Dortmund Studierende beider Hochschulen gemeinsam mit der Frage, wie sich alltägliche Geräusche und Stille gestalterisch erfassen und darstellen lassen. Die Studierenden entwickelten dabei ihre eigenen Perspektiven auf die Fragestellung und übersetzten diese mit den kreativen Mitteln ihrer jeweiligen Studiengänge.

Die Design-Studentinnen Julia Wehner und Joline Müller hatten dafür eine besondere Idee: Sie wollten Alltagssituationen fotografisch festhalten und daraus ein Buch gestalten. Auf den Fotografien sollten die Geräusche der jeweiligen Situation in ertastbarer Brailleschrift sichtbar beziehungsweise fühlbar werden. Auf diese Weise sollte die Stille einer einfachen Abbildung durch das Hörbare der gezeigten Situation ergänzt werden.

Vorstellung des Projekts im Begleitbuch zur Vernissage
Ein Bild zeigt eine Situation – die Brailleschrift ergänzt sie um das, was man nicht sehen kann: die Geräusche

Ein Braille-drucker ist kein gewöhnlicher Drucker

Die Idee war überzeugend. Die praktische Umsetzung stellte die Studentinnen allerdings vor einige Herausforderungen.

Brailledrucker sind keine Alltagstechnik, die an jedem Arbeitsplatz zu finden wäre. Auf der Suche nach Möglichkeiten, ihr Konzept umzusetzen, landeten die beiden Studentinnen bei der Servicestelle DiBS der FH Dortmund und erkundigten sich, ob und wie ihre Idee realisiert werden könnte. Schnell wurde deutlich: Einfach „Papier einlegen und drucken“ würde es nicht werden.

Braillepunkte sind ertastbar, weil sie aus dem Papier herausragen. Papierstärke und -format müssen zum Drucker passen. Gleichzeitig verändert die erhabene Schrift die Eigenschaften des fertigen Buches: Brailleschrift hebt die Seiten an. Wenn viele bedruckte Seiten eng gebunden werden, können sich die Seiten auffächern und das Buch lässt sich anders handhaben als ein gewöhnlicher Bildband. Hinzu kam dann noch der Faktor Zeit. Die Anfrage von Julia Wehner und Joline Müller fiel in die besonders arbeitsintensive Phase der Prüfungsunterstützung. Studierende, die aufgrund eines bewilligten Nachteilsausgleichs auf Unterstützung bei der Aufbereitung ihrer Studienmaterialien angewiesen sind, haben im Adaptionsdienst selbstverständlich Priorität. Deshalb war zunächst nicht sicher, ob das Projekt in der angedachten Form überhaupt umgesetzt werden kann.

Das Konzept der Studentinnen war jedoch so ungewöhnlich und unterstützenswert, dass DiBS die Projektidee zusätzlich zu den laufenden Aufgaben begleitete und die notwendigen Vorbereitungen für den Druck traf.

Wenige Tage vor der international besetzten Vernissage war es schließlich so weit. Die Studentinnen brachten ihre vorbereiteten Druckbogen mit. Daraus sollten insgesamt drei Buchexemplare entstehen. Die mit 42 Bildern pro Buch bedruckten Bogen wurden einzeln in den Brailledrucker gelegt und der Brailletext, der aus den textlichen Vorgaben der Studentinnen erzeugt wurde, auf die Bilder gedruckt. Was am Ende entstand, war weit mehr als eine technische Adaption.

Ein Buch, das man sehen und ertasten kann

Die fertigen Bücher sind kleine Kunstwerke, die auch auf der Vernissage am Max-Ophüls-Platz großen Anklang fanden. Viele Besucherinnen und Besucher blätterten durch die Seiten, betrachteten die Fotografien und kamen über die ungewöhnliche Kombination von Bild, Schwarztext und Brailleschrift miteinander ins Gespräch. Viele wollten nicht nur schauen, sondern auch fühlen: Die erhabenen Punkte der Brailleschrift wurden ertastet, die Bücher wurden fotografiert und immer wieder gelobt.

Damit wurde das Projekt selbst zu einer kleinen Einladung, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen: Was sehen wir? Was hören wir? Was können wir fühlen? Und was bleibt uns verborgen, wenn wir nur einen dieser Zugänge nutzen?

Gerade darin liegt die besondere Stärke des Projekts. Barrierefreiheit wurde hier nicht nachträglich ergänzt, sondern war von Anfang an Teil der Gestaltungsidee.

Das Design-Projekt “Noise and Silence” ist nicht das erste Studierendenprojekt, das von DiBS unterstützt wurde – wohl aber das bisher komplexeste. Gerade Brailleschrift wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach angefragt, u. a. zur begleitenden Beschreibung von Fotoausstellungen oder zur ergänzenden Info zu Bachelorarbeiten, teils mit ertastbarem QR-Code, über den mittels Smartphone und sehbehindertengerechter Technik detaillierte Beschreibungstexte im Internet aufgerufen werden konnten.

Der Service von DiBS richtet sich in erster Linie an Studierende mit bewilligtem Nachteilsausgleich. Die vorhandenen Ressourcen müssen deshalb für diese Unterstützungsleistungen verfügbar bleiben. Nicht jede Anfrage aus einem Studienprojekt ohne direkten Bezug zu einer Beeinträchtigung kann daher umgesetzt werden.

Wann immer aber die Möglichkeit besteht, Brücken zwischen den Zielgruppen zu schlagen, ist DiBS zur Stelle. Manchmal beginnt das mit einer Beratung, manchmal mit einer technischen Lösung – und manchmal entsteht daraus ein Buch, das man nicht nur anschauen, sondern auch ertasten kann.

Eine Anfrage lohnt sich also immer!

Kontakt

Servicestelle Digitale Barrierefreiheit in Studium und Lehre
Bibliothek+ der Fachhochschule Dortmund
Wolfgang Schmidt-Sielex

dibs@fh-dortmund.de

Fotos von: Wolfgang Schmidt-Sielex, Fotos im abgebildeten Buch: Julia Wehner und Joline Müller
Headerbild von: ILIAS Kompetenzzentrum

  • Tags :Barrierefreiheit
  • digitale Barrierefreiheit
  • ILIAS
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